Innerhalb des Mainstream-Evangelikalismus herrscht die Ansicht, dass es nicht darauf ankommt, war Recht hat, solange alle einander gut behandeln und man sich in den wesentlichen Punkten einig ist. Tatsächlich gehen manche Menschen sogar so weit zu behaupten, dass, wenn Person X und Person Y widersprüchliche Positionen zu einem Thema vertreten, beide Positionen als mit der Lehre vereinbar gelten müssten, sofern es sich nicht um „wesentliche“ Themen handelt. Diese Grundhaltung hat inzwischen sogar im kreationistischen Lager Einzug gehalten: Ein kürzlich erschienenes Buch argumentiert, man solle gegenüber den Kompromisslern einer alten Erde „auf ein Unentschieden spielen“.1 Auch wenn dies für Christen der einfachere Weg wäre, ruft Jesus seine Nachfolger nicht dazu auf, einen einfachen Weg zu gehen.
In der Schöpfungs-/Evolutionsdebatte kann nur eine Position richtig sein. Die wörtliche Auslegung der Bibel und die Evolution sind grundlegend unvereinbar, ganz gleich, welche Argumente kompromissbereite Gruppen wie BioLogos versuchen vorzubringen. Daraus folgt logisch: Wenn nur eine Antwort richtig ist, müssen alle anderen falsch sein. Dennoch versäumt es der Wheaton-Professor und BioLogos-Autor John Walton, dieses Prinzip anzuerkennen. Bezüglich eines Kollegen, der anderer Meinung war, schrieb Walton in einem von BioLogos beworbenen Artikel im Integrate-Lehrplan:
„Anstatt zu behaupten, mein Kollege läge falsch, würde ich behaupten, dass beide Positionen logisch und um eine treue Auslegung der Schrift bemüht sind, ich meine Sichtweise jedoch für die vorzugswürdigere halte, da sie durch die Gesamtheit der Beweise gestützt wird. Meiner Meinung nach macht das seine Ansicht nicht falsch, sondern lediglich weniger wahrscheinlich. Folglich würde ich nicht vorschlagen, dass jemand, der seine Ansicht vertritt, als untreu gegenüber dem Wort Gottes, als häretisch in seinen Schlussfolgerungen oder unchristlich angesehen werden sollte und daher von der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen werden müsste. Doch genau solche Dinge würden Menschen, die seine Ansicht vertreten (wenn auch nicht er selbst), über mich und andere mit ähnlichen Ansichten sagen. Während ich ihre Position nicht angreife, indem ich sie als falsch bezeichne, zögern sie nicht, meine Sichtweise genau so zu bewerten. Es besteht ein Unterschied zwischen Unrecht haben und dem Vertreten sich gegenseitig ausschließender, aber möglicher Interpretationen.“2
Responding to Compromised Curriculum
Dr. Walton verrät in diesem Abschnitt des Artikels sehr viel. Er stellt sich und seine Sichtweise so dar, als würden sie ungerechterweise als falsch bezeichnet werden. Und darin steckt ein Kern von Wahrheit. Manchmal kann es mehrere Möglichkeiten geben, orthodoxe Passagen zu verstehen. Die Eschatologie ist ein solches Beispiel: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dieselben eschatologischen Passagen zu verstehen, indem man Schrift mit Schrift vergleicht. Bei Genesis verhält es sich jedoch anders. Walton zieht hier eine falsche Gleichsetzung, weil die Frage nach den Ursprüngen unter den Kompromissbefürwortern niemals ausschließlich auf Grundlage des Textes geklärt wird. Stattdessen wird sie fast ausnahmslos durch Rückgriff auf außertextliche Bezugspunkte entschieden, meist entweder durch die Naturwissenschaften oder durch die altorientalische Literatur. Die Schrift wird somit äußeren Quellen untergeordnet; man könnte sogar sagen: ihnen unterworfen.
Die Frage nach den Ursprüngen wird unter den Komromissbefürwortern niemals ausschließlich auf Grundlage des Textes geklärt.
Es überrascht kaum, dass Walton dies tut. Seine Buchreihe Lost World ordnet Genesis (und andere Bücher des Alten Testaments) konsequent der Literatur des Alten Orients unter.3 Das Wesentliche an seiner Argumentation sind jedoch seine Ausführungen zu richtig und falsch. Er ist der Ansicht, dass es keine „richtige“ Antwort auf die Frage nach dem Ursprung gibt, sondern nur die wahrscheinlichste. Mit anderen Worten: Die Bibel reicht nicht aus, um die Ursprungsfrage zu klären. Stattdessen müssen wir Entscheidungen über die Ursprünge auf der Grundlage einer „Überlegenheit der Beweise“ treffen.
Auf welche Beweise bezieht sich Walton? Man betrachte dazu folgende Aussage aus einem von ihm mitverfassten Lehrbuch: „Ein zweites Problem besteht darin, dass ein bibelgetreuer Ansatz die Bedeutung der Schöpfungsoffenbarung entwertet. Er behandelt die Schöpfung nicht als aufschlussreich für unser Denken über die Schöpfung (zum Beispiel, wenn Christen das Zeugnis des Universums, das ein Alter von etwa 13,8 Milliarden Jahren anzeigt, leugnen, indem sie das Alter der Schöpfung aus einer speziellen Auslegung von Gen. 1–11 ableiten).“4 Mit anderen Worten: Wir können uns nicht auf die Schrift berufen, um das Alter der Erde zu bestimmen; wir müssen uns auf die „natürliche Offenbarung“ berufen. Das Problem dabei ist, dass die Schrift das von Gott eingegebene, unfehlbare Wort Gottes ist. Sie ist von der Sünde des Menschen unbefleckt. Die Natur hingegen ist nicht unfehlbar, unterliegt der fehlbaren Interpretation des Menschen und ist durch den Fluch der Sünde befleckt. Die Natur ist daher nicht gleichwertig mit der Schrift.
Walton scheint zu glauben, dass es unbarmherzig ist, die Meinung anderer als falsch zu bezeichnen.
„Diskussionen können für beide Parteien und auch für die Zuhörenden von Vorteil sein. Aber in Debatten unter Christen geht es darum, Punkte auf Kosten des anderen zu sammeln und die Richtigkeit der eigenen Ansichten zu betonen, während der andere als falsch dargestellt wird. Ehrt eine solche Haltung wirklich das Konzept der ‚Nächstenliebe in allem‘? Ich bin mir nicht sicher, ob dies der Fall ist. Wir sollten zögerlich sein, andere zu beschuldigen, die Autorität der Schrift zu verwerfen und sie deshalb zu verurteilen, nur weil sie die Schrift anders interpretieren als wir.“5
Unglücklicherweise liegt Walton aus biblischer Sicht einfach falsch. 2 Petrus 1,20 macht deutlich, dass es im jeweiligen Kontext nur eine korrekte Interpretation der Schrift gibt. Einige Themen können beim Vergleich von Schrift mit Schrift unterschiedlich betrachtet werden, aber da Walton sein Argument nicht auf der Schrift aufbaut, kann er nicht behaupten, dass die Ursprungsfrage eines dieser Themen ist. Es gibt eine richtige Antwort auf die Ursprungsfrage. Da dies der Fall ist, liegt es in unserer Verantwortung herauszufinden, welche das ist, und sie dann zu verteidigen.
Dr. Walton scheint Nächstenliebe mit Akzeptanz zu verwechseln. Er möchte, dass seine Ansichten unter dem Deckmantel der Nächstenliebe als bibelgetreu akzeptiert werden. Das Problem ist, dass Nächstenliebe nicht gleichbedeutend mit Akzeptanz ist. Nirgendwo in der Schrift ist Nächstenliebe gleichbedeutend damit, einfach die Ansichten anderer Menschen als gültig zu akzeptieren. Stattdessen werden wir ermutigt, die Schriften zu erforschen und wie die Beröer zu prüfen (Johannes 5,39; Apostelgeschichte 17,10–12). Nur weil eine Person behauptet, Christ zu sein, bedeutet das nicht, dass das, was sie sagt, orthodox ist. Das Neue Testament warnt häufig davor, dass wir uns vor falschen Lehrern und falschen Brüdern in Acht nehmen müssen, die sich als Christen ausgeben (2 Petrus 2,1; Galater 2,4), aber falsche Lehren verbreiten. Daher sollten wir alles prüfen und am Guten festhalten (1 Thessalonicher 5,21). Sogar wohlmeinende Christen können sich irren oder unbeabsichtigt andere in die Irre führen. Während wir also „Nächstenliebe gewähren“, um das Bekenntnis einer Person zum Christsein zu akzeptieren, müssen geäußerte Ansichten, die der Schrift widersprechen (und Dr. Waltons tun dies), mutig und öffentlich zurückgewiesen werden.
Die Schrift bestätigt, dass es für jeden wichtig ist, von dem überzeugt zu sein, was er glaubt (Römer 14,5). Mehr noch: Wenn diese Überzeugungen richtig sind, müssen sie gelehrt werden. Aber Neutralität ist unmöglich, wenn es um die Lehre der Schrift geht, insbesondere wenn dabei die wichtigen heilsrelevanten Lehren von Sünde, Tod und Sühne untergraben werden. Jesus sagte, dass jeder, der nicht auf seiner Seite ist, gegen ihn ist (Matthäus 12,30; Lukas 11,23). Es widerspricht der Nächstenliebe, diejenigen, die gegen Christus sind, in diesem Zustand zu belassen. Tatsächlich zeugt dies von einem Mangel an Nächstenliebe (Luke 11:23).
Dieses Prinzip gilt auch für diejenigen, die falsche Lehren verbreiten. Zum Beispiel lehrte Apollos in Apostelgeschichte 18, dass der Messias kommen würde. Er hatte Johannes dem Täufer zugehört und dessen Botschaft angenommen. Aquila und Priscilla nahmen ihn auf und erklärten ihm, dass Johannes sich auf Jesus bezogen hatte. Mit anderen Worten: Apollos predigte eine unvollständige Botschaft. Aber er akzeptierte die Korrektur und predigte schließlich das Evangelium (1 Korinther 3,6). Aquila und Priscilla zeigten dabei Nächstenliebe. Apollos war einfach unwissend und benötigte Belehrung.
Manchmal entspringt falsche Lehre jedoch nicht aus Unwissenheit, und manchmal gibt es solche, die eine Korrektur ablehnen, wenn sie mit der Wahrheit konfrontiert werden. Wenn dies geschieht, besteht die barmherzige Reaktion nicht darin, die unbiblische Lehre einfach als lehrmäßig zulässig zu akzeptieren. In Römer 16,17–18 werden wir vielmehr angewiesen, diejenigen zu meiden, die mit gegenteiliger Lehre Spaltungen verursachen. Paulus ist eindeutig: Die Spalter sind diejenigen, die sich dem widersetzen, was die Bibel lehrt. Wenn ein christlicher Lehrer öffentlich irrt, muss er auch öffentlich und direkt zur Korrektur des Irrtums aufgerufen werden, wie Paulus es bei Petrus tat (Galater 2,11–14). Anders zu handeln ist kein Ausdruck von Nächstenliebe, weil es gegen die Gebote der Schrift verstößt. Angesichts der Tatsache, dass selbst ein Vertreter der Alte-Erde-Position keinen Kirchenvater vor dem 17. Jahrhundert finden konnte, der eine alte Erde lehrte, sind die Spalter nicht diejenigen, die eine junge Erde lehren.6
Dr. Walton ist nicht unwissend darüber, was die Bibel lehrt. Tatsächlich behauptet er, früher ein „Junge-Erde-Kreationist“ gewesen zu sein.7 Daher ist sein Versuch, zu argumentieren, dass es bei der Ursprungsfrage kein Richtig oder Falsch gibt und dass alle Ansichten, die den Theismus beanspruchen, akzeptabel sein sollten, nicht aus Unwissenheit geboren.
Walton erkennt am Ende seines Artikels an, dass es klare Kategorien von richtig und falsch gibt, untergräbt dann jedoch die Behauptung wieder: „Letztendlich ist es wahr, dass eine Auffassung richtig und die anderen falsch sind, aber eine solche absolute Sichtweise ist nicht immer verfügbar.“8 Was Walton jedoch nicht sagt oder vielleicht nicht bereit ist zu akzeptieren, ist, dass wir sehr wohl über eine absolute Sichtweise in der Ursprungsfrage verfügen. Die Bibel sagt uns ausdrücklich, was Gott getan hat, wie er es getan hat und wie lange es gedauert hat – und es ist mit jeder anderen Interpretation unvereinbar, die eine alte Erde und den Tod vor der Sünde impliziert. So unvereinbar, dass es tatsächlich das zentrale Thema der Schrift und des Christentums selbst untergräbt: die Evangeliumsbotschaft von Adams Sünde, die den Tod, die Trennung von Gott und eine verdorbene Schöpfung verursachte -Zustände, die nur der zweite Adam beheben kann. Diese Fragen stehen nicht zur Debatte, es sei denn, man ist bereit, die biblische Autorität – und letztendlich das Evangelium – zu untergraben. Die Ursprungsfrage hat eine richtige Antwort, und die Bibel sagt uns eindeutig, wie sie lautet: Gott schuf alles in sechs buchstäblichen vierundzwanzigstündigen Tagen und ruhte am siebten Tag, vor ungefähr sechstausend Jahren.
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